Asche auf unsere Häupter!

Also mal ehrlich - habt Ihr nicht auch das Gefühl, dass irgendwas nicht ganz stimmen kann, wenn ein kleiner Vulkan in Island europaweit zu solcher Panik führt?
Mit Asche verbindet man ja besonders im Christentum die Buße. Also die Zeit der Einkehr, des Nachdenkens über das Getane, die Einsicht über begangene Fehler – und die anschließende Reue über selbige.
Umso mehr verwundert mich die Tatsache, dass ich seit gestern eigentlich eher nur lauter Panikmeldungen, lautstarke Empörung und Beschwerden höre, was der Vulkan in Island verursacht, dessen Namen ich mir weder merken noch tippen kann. Beim täglichen Lesen der Nachrichten bin ich vorhin über die Zahl 150 Millionen Euro gestolpert, die angeblich allein der Lufthansa täglich durch das aktuelle Flugverbot verloren gehen. Dazu noch das Chaos bei der Bahn und auf den Strassen und das entsprechende Gemecker der betroffenen Pendler, die alle von A nach B “müssen” und das immer Entfernungen betrifft, bei denen man früher von “es war einmal in einem fernen Land” oder zumindest unter Angabe der Anzahl der Tagesreisen sprach.
Also natürlich – die persönlichen Einzelschicksale sind sicher nervig. Aber sollten wir das Ganze nicht vielleicht doch als Chance zur Einkehr nutzen, mal einen Schritt zurücktreten und uns grundsätzlich überlegen, wie extrem abhängig wir inzwischen anscheinend von der globalen Mobilität sind?
Offenbar ist es ja inzwischen sowas von normal, am Wochenende mal eben zwischen Hier und Dort mit dem Flieger zu pendeln, dass es erst diesen Vulkan und damit die Flugsperre brauchte, um uns überhaupt mal wieder dessen bewusst zu machen. Aber mal mit gesundem Menschenverstand betrachtet – wie pervers ist eine solche Gesellschaft eigentlich geworden, in der man hier arbeitet, obwohl man eigentlich hunderte oder tausende von Kilometern entfernt wohnt und lebt und dort seine Familie und Freunde hat? Oder wo man einfach “aus Spaß” mal eben irgendwohin jettet und dort ein Wochenende verbringt?
Ich will damit niemandem auf den Schlipps treten, aber warum nehmt ihr eigentlich als Berliner eine Stelle in München an, ohne auch konsequent dorthin umzuziehen? Wieso müsst Ihr als verwurzelter Münchner unbedingt in Irland arbeiten und jedes Wochenende dennoch dem Heimweh nachgeben? Und was ist eigentlich so toll daran, vier Stunden für einen Flug hin und zurück aufzuwenden, nur um seinen Arsch über irgendeinen sehenswürdigen Platz zu schieben und damit später bei den Freunden und Kollegen anzugeben – wenn man das Gleiche doch eigentlich viel entspannter auch in der eigenen Stadt machen kann?
Und wieso ist nur das Fliegen überhaupt so attraktiv billig geworden, dass solche perversen Auswüchse für jedermann erschwinglich wurden? Warum gibt es immer noch keine Umweltsteuer auf Kerosin?
Während ich über diese Fragen philosophiere, merke ich gerade, wie still es hier in Haag an der Amper, etwa 12km nördlich von Freising und damit rund 20km nördlich des Münchener Flughafens geworden ist. Ich sitze auf dem Balkon in der Sonne und abgesehen vom ohrenbetäubenden Vogelgezwitscher und dem Lärmen der spielenden Nachbarskinder ist das einzige “unnatürliche” Geräusch der Lüfter meines Laptops. Nur unterbrochen von einem ab und zu durch unsere Straße fahrenden Auto. Zum ersten mal seit ich hier wohne – und das ist immerhin seit 1995 – höre ich kein nahezu permanentes Grummeln der startenden Maschinen. Diese haben bei uns zwar glücklicherweise in den meisten Fällen schon ziemlich Höhe gewonnen, so dass es nur ein eher “unterschwelliges” Grollen ist (mit der Ausnahme von drei großen Linienfrachtmaschinen, die jeden Tag zur selben Zeit über uns hinweg donnern und mühsam um jeden gewonnen Höhenmeter kämpfen), aber wie gesagt – erst durch die Abwesenheit dieses Lärms wird mir gerade erst so richtig bewusst, wie viel das eigentlich normalerweise ist.
Ich bin daher so gemein zu sagen: weiter so, Du kleiner isländischer Vulkan! Leg ruhig den Flugverkehr noch länger lahm! Auf dass alle betroffenen Menschen vielleicht mal ein wenig nachzudenken beginnen und dieser Irrsinn des weltweiten Flugverkehrs mit seinen ganzen Folgen für die Umwelt wieder ein wenig zurückgeht. Und so lange Du Feuer und Rauch spuckst, werde ich mit Genuss dem Lärm der Vögel zuhören und erfreut in den strahlend blauen Himmel blicken, der von keinem einzigen Kondensstreifen durchzogen ist – zum allerersten Mal in den 38 Jahren, seit ich auf diesem Planeten bin.
Und wie sind Eure Erfahrungen mit dem Flugverbot so? Genießt Ihr auch die Ruhe und den blauen Himmel?
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Warum pendelt man 800 km zu seinem Job? Warum zieht man nicht ins Ausland, wenn man doch dort arbeitet? Gegenfrage: Warum nimmt jemand einen Job an, der nicht einmal das Existenzminimum deckt? Antwort: Es ist ja nicht für immer … Glaubt man.
Früher arbeitete man, wo man wohnte, oder man zog weg. Mitsamt Familie. Das ging, denn es war ja eine Entscheidung auf lange Sicht. Heute sind viele Arbeitsverhältnisse befristet, in Karrierejobs arbeitet man in Projekten, auch feste Jobs sind unsicherer geworden. Nicht zu sprechen von allerlei abenteuerlichen Konstruktionen wie dem niedergelassenen Arzt, der, um überhaupt seine Praxis halten zu können, tage- oder wochenweise in englischen Krankenhäusern jobbt. Oder den neuen Wanderarbeitern – ostdeutsche Zeitarbeiter in niederländischen Diensten, denen gar nichts anderes übrig bleibt, wollen sie nicht in Hartz IV fallen.
Die großartige Errungenschaft, leichter weiter reisen zu können, hat sich längst ins Gegenteil verkehrt. Wir können nicht mehr, wir müssen. Unsere Lebensverhältnisse haben sich nicht nur im Großen, sondern auch im ganz Alltäglichen an die früher undenkbare Reichweite angepasst. Man kann nicht nur, man muss heute vielfach zum Einkaufen, zum Arzt, zur Post, in den nächsten größeren Ort fahren. Wir haben uns zu Sklaven des Fortschritts gemacht. Insbesondere haben wir eine Form des Kapitalismus zugelassen, der uns so langsam die Luft zum Atmen nimmt, in jedem Sinne.
Es ginge anders. Aber solange sich Zwang und Freiheit mischen, wird das nichts. Wer ständig gezwungenermaßen weite Strecken zurücklegt, ist leichter bereit, das auch für sein privates Vergnügen zu tun. So wird der Wochenendtrip ins 200 km entfernte Skigebiet “normal”. Wer gerne mal nach London zum Shoppen jettet, hat weniger Einwände dagegen, auch für seinen Lebensunterhalt reisen zu müssen. Ein Umdenken wird es erst geben, wenn Mobilität deutlich teurer wird, und dazu dürfte, nach aller Erfahrung, erst existenzielle Verknappung von Rohstoffen führen. Leider.
Es wäre halt zu schön, wenn ein bisschen isländischer Rauch schon zu Buße und Umkehr führen würden …
Wie wahr. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
Was kaum jemand weiß: Der Vulkanausbruch wurde von der Central Intaligence Agency durch eine Mini-Atombombe verursacht, damit Obama und Merkel nicht an der Beisetzung vom polnischen Präsidenten teilnehmen müssen.
Hmm, genießen wir doch die momentane Stille.
Ich war heute am FJS, ein paar Bilder sind unter http://stockshooter.de/blog. Da doodlts, wie man hier sagt.
Die übertriebene Mobilitätslust unserer Mitmenschen ist IMHO ein Flucht vor der eigentlich nötigen Innenbeschau. Ist ja auch einfacher und leichter, sich ein paar Kicks $ganzwoanders zu holen, als dass man sich mal mit sich selbst und seinem Leben und den damit verbundenen Menschen auseinandersetzt.
Meinjanur,
Bernd
P.S. Wir Leser sollten mal ein lokales Wir-lieben-den-Lukuhlus-und-sind-Fans-Treffen veranstalten, am besten in der Allee. Mo/Fr/Sa/So wäre ich dabei.
Ich glaube ja, dass derartiges “Rumroasn” für manche schon fast ein wenig Voraussetzung ist, um sich überhaupt noch mit anderen Menschen auseinanderzusetzen. Ich durfte in letzter Zeit in München recht viele Unterhaltungen verfolgen, wo es fast ausschließlich darum ging, was man am Wochenende erlebt hat. Und das ging eben von einem Wochenend-Trip nach Dubai über Shopping in Madrid bis hin zum Rekordhalter: über’s Wochenende zum Endspiel der Hockey-WM in Indien. Lässt man diese Themen weg, hatten sich diese Leute nicht mehr wirklich viel zu sagen. Und hatte man wie ich einfach nur ein gemütliches Wochenende zu Hause verbracht, wurde es schnell eng mit interessanten Themen und man erntete nur leicht mitleidige Blicke…
Und ich fühle mich geehrt wegen der Idee mit der Allee – aber ich würde so einen Event lieber “Wir-lieben-das-Jägerbier” betiteln… ;o)
Selbiges werden wir heute nachmittag doch auch gleich mal machen. Werd mich nachher in die Küche begeben und einen zünftigen Wurstsalat vorbereiten. Wenn ich’s diesmal schaff, ein Foto davon zu machen, bevor wir uns gierig darauf stürzen, wär das sowieso ein schon längst überfälliges Rezept für diesen Blog…