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Zahnarzt-Angst – und wie ich sie überwand!

Macht Dir dieses Bild Angst? Mir auch - aber man kann tatsächlich damit leben, wenn man weiß, wie...

Macht Dir dieses Bild Angst? Mir auch - aber man kann tatsächlich damit leben, wenn man weiß, wie...

Damit ich auch morgen noch kraftvoll zubeissen kann. Dieser saublöde Slogan, der wohl bis in die 70er des letzten Jahrhunderts zurückgeht, hat mich in letzter Zeit öfter beschäftigt. Denn weil ich ziemliche Angst vor dem Zahnarzt hatte, war ich fast 20 Jahre nicht mehr. Was definitiv eine verdammt lange Zeit ist. Rund die Hälfte meines Lebens…

Glücklicherweise bin ich aber von Haus aus mit guten Zähnen ausgestattet, so dass ich keine Ruinen im Mund hatte. Also was ich da schon für Bilder gesehen habe… Abgebrochene und -gefaulte Stummel… Eitriges Zahnfleisch aufgrund nicht gezogener Stümpfe… Bäh… Nö, also für so eine lange Zeit habe ich ein Hammer-Gebiss. Ich hatte zwar Zahnstein ohne Ende und deswegen ziemliche Parodontose, aber ansonsten wirklich erstaunlich wenig Karies. Sagt auch der Zahnarzt, also dass er angenehm überrascht ist.

Dr. Mengele – Der Marathon-Mann

Der Zahnarzt in meiner Kindheit hat mir damals ein brutales Trauma versetzt. Es war Mitte der Siebziger und da war die Technik zwar eigentlich schon recht fortgeschritten – aber das nutzt ja auch nix, wenn derjenige, der sie bedient, noch vor dem ersten Weltkrieg geboren wurde und dementsprechend mental nach wie vor im Zeitalter von Lachgas und Tretbohrern verweilte. Dr. Görlitz hieß er und war wohl der älteste Zahnarzt Bayerns. Ich erinnere mich an schneeweiße Haare, ein extrem faltiges, altes Gesicht (er sah deutlich älter aus als meine damals etwa 70jährige Oma), eine klassische Hornbrille mit Ferngläsern, die seine Augen fast so groß werden ließen wie die Brillengläser selbst – und an das leichte Zittern, mit dem er einem die Hand zur Begrüßung hinstreckte. Als wir später im Geschichtsunterricht das Dritte Reich durchnahmen und ich von Dr. Mengele erfuhr – genau so stellte ich mir diesen Menschenschinder vor. Und als ich später erst den “Marathon Mann” mit Dustin Hofmann sah…

Was noch dazu kam: damals machten mir Menschen in Kitteln immer Angst. Mit etwa drei Jahren hatte ich nämlich einen Leistenbruch, und auch wenn ich aus dieser Zeit meines Lebens sonst nichts mehr weiß – an das Bauchweh kann ich mich noch gut erinnern. Und damit verbunden die Bilder von den Ärzten in ihren weißen Kitteln. Weshalb sich wohl schon früh einprägte: weißer Kittel = Aua!

Und genau so erging es mir dann auch bei Dr. Görlitz. Er versuchte zwar, ruhig und kindgerecht mir mir umzugehen und versprach mir auch, dass es sicher nicht weh tun würde. Aber jedes mal dauerte es maximal eine halbe Minute, bis er abrutschte, mir diesen spitzen Haken ins Zahnfleisch rammte, es also schon ziemlich weh tat und ich also blutete. Im Mund. Eine Stelle, an der ich Blut damals noch überhaupt nicht vertrug. Er entschuldigte sich zwar jedes mal, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass sich in meinem Hirn die Erfahrung einprägte, dass Zahnärzte lügen und es immer weh tut. Auch, wenn sie nur nachsehen.

Mein erster Kuss – der Radweg nach Zuchering

Mit etwa 12 Jahren kam dann der nächste Hammer: ich radelte zum sogenannten “Bücherbus”, eine Art mobile Bibliothek in Ingolstadt, die alle zwei Wochen mal in jedem Stadtteil auftauchte, damit man nicht extra bis in die Stadt fahren musste. Ich hatte eine dementsprechend große Tüte voller “Was ist was“-Bücher an meinem Lenker – und auf einmal verklemmte sich die in den Speichen, ich machte einen bilderbuchreifen Flug über den Lenker und bremste mit dem Gesicht auf dem Radweg. Mein erster Kuss sozusagen. Mein halbes Gesicht war aufgeschürft und voller Rollsplit und ich blutete wie frisch abgestochen. Und wie ich nach den ersten Schock-Sekunden bemerkte, fehlte mir auf einmal auch der halbe rechte Schneidezahn. Ein schnell herbeigeeilter Bauarbeiter, der das zufälligerweise mitbekommen hat, entschuldigte sich tausend mal, dass er ein wenig grinsen müsse, aber das hätte soooo lustig ausgesehen… Aber er half mir gut auf die Beine, versorgte mich erst mal mit sauberen Tempos, bog das Rad wieder zurecht und schob es mit mir zusammen nach Hause – nachdem er mich tapfer dazu überredete, denn eigentlich wollte ich ja trotz der Blessuren partout zum Bücherbus, weil wenn ich die Bücher diesmal nicht abgebe, muss ich ja Verzugsgebühren zahlen… Herrje, welch vorbildliche Zahlungsmoral hatte ich damals doch noch… ;)

Jedenfalls mussten wir natürlich sofort zum Zahnarzt. Etwa ein Drittel des Zahnes war schräg abgebrochen und die Spitze des Nervs lag blank. Höllenschmerzen. Daran kann ich mich noch erinnern. Und an eine riesengroße Spritze. Und an ewiges Schleifen, um da sofort eine Behelfs-Krone drüber zu stülpen. Und an das Zahnweh danach. Geschweige denn das ganze Aua meines restlichen Gesichts. Und natürlich die Hänseleien meiner Schulkameraden, weil ich wochenlang so aussah, wie – ja, eben so als hätte ich mit dem Gesicht gebremst…

Dieses Provisorium hielt aber blöderweise nicht wirklich gut. Der Zahnarzt meinte, mein Gebiss müsste sich erst auswachsen, bevor man da mit einer richtigen Krone rangehen könne. Ich müsste also noch drei, vier Jahre mit dem Plastik-Provisorium leben. Und damit, dass er das natürlich nicht richtig festbetonieren, sondern nur mit Spucke fixieren könne. Also natürlich war es keine Spucke, aber die Klebkraft war ungefähr genauso schwach. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich in den darauf folgenden Jahren in irgendwas reinbiss und merkte, wie diese Plastik-Krone drin stecken blieb. Ein extrem unangenehmes Gefühl, wenn es so “schlapf” macht und auf einmal die Nervenspitze wieder frische Luft bekommt. Aua! Und jedes mal wieder: Zahnarzt anrufen, Termin ausmachen und ein, zwei Tage mit diesem nur locker drübergestülpten Ding ohne jeglichen Halt leben. Es hielt immer nur gerade so gut, dass es beim Lachen nicht wegen der Schwerkraft von alleine runterfiel. Aber Essen war nicht schön.

Als ich dann 16 war, hatte ich die Schnauze voll von diesem Provisorium und ging zu einem anderen Zahnarzt. Doktor Maurer hieß er. Den Namen werde ich mir gut merken, denn eigentlich war er gar nicht so übel wie der Vorgänger. Psychologisch schon viel besser – aber natürlich war noch ein Haufen Arbeit nötig, um das Provisorium durch eine richtige Krone zu ersetzen. Vor allem wieder zig Spritzen und viel Schleif-Arbeit in etlichen Sitzungen. Inzwischen dürfte glaube ich höchstens noch die Hälfte des Zahns Original sein. Aber dafür hab ich seitdem etwa zwei Gramm Gold im Mund. Eigentlich schon fast eine kleine Wertanlage.

Der jugoslawische Barbar

Ein weiteres Trauma hat mir ein Zahnarzt versetzt, dessen Namen ich mir nie merken konnte und auch nicht wollte. Ich weiß nur, dass er aus dem damaligen Jugoslawien war. Zu der Zeit war ich gerade beim Zivildienst und da herrschen ja etwas eigene Gesetze, was die medizinische Versorgung angeht. Also konkret gab es nur einen einzigen Zahnarzt, zu dem wir gehen durften, wenn der Staat die Rechnung übernehmen sollte. Also ging ich zu dem, weil ich ein kleines Loch in einem der rechten Backenzähne spürte. Und wurde offenbar falsch eingeschätzt, was die Narkotisierung angeht. Klar – ich hatte damals schon ziemlich lange Haare und damit ist man ja automatisch Kiffer oder zumindest Säufer, das heißt, man verträgt ne ordentliche Portion. Schlecht ist nur, wenn man diesem Klischee nicht entspricht und die Spritze nicht nur örtlich betäubt, sondern sogar der Blutdruck in den Keller rast und der Puls auf 40 runtergeht.

Recht viel mehr weiß ich von diesem “Erlebnis” eigentlich fast nicht mehr, außer dass er nach den 5 Minuten Einwirkzeit ziemlich große Augen bekam, als er wieder ins Zimmer kam. Ich fand es eigentlich gar nicht mal so schlimm, weil ich so schön schläfrig war und die Welt sich zu drehen anfing, aber er maß blitzschnell mit leichter Panik im Gesicht meinen Puls, gab mir leichte Klapse auf die Backe, ob ich ihn noch verstehe und stellte seine Helferin ab, dass sie meinen Puls die nächste Viertelstunde weiter überwachen und mit mir sprechen soll und ihn bitte sofort rufen, wenn ich noch weiter absacke.

Also wie gesagt – eigentlich hatte es sich gar nicht so schlecht angefühlt, aber die Angst vor Spritzen hat das definitiv nicht gemildert. Eher verstärkt.

20 Jahre stressfrei

Dementsprechend habe ich mich von diesem Moment an geweigert, freiwillig zu einem Zahnarzt zu gehen. So richtig zur Vorsorge ging ich davor zwar auch nicht, aber wegen der Krone war ich ja sowieso alle paar Monate zwangsweise dort. Und in der Tat hatte ich fast 20 Jahre keine Probleme mehr mit meinen Zähnen. Nur ein Loch zwischen den Zähnen eskalierte vor ein paar Jahren mal ziemlich, weil ich es ewig nicht bemerkte – und mir an einem nicht gepoppten Popcorn den halben Zahn ausbiss.

Doch ansonsten…? Wie eingangs erwähnt, bekam ich mächtig Zahnstein, aber den glücklicherweise auch nur innen, so dass es von aussen gar nicht mal so schlimm aussah, wie man vermuten möchte. Mit der richtigen Zahnpasta (Elkos von Edeka – die billigste überhaupt) blieben meine Zähne sogar trotz starkem Rauchen und extremem Kaffee- und Teegenuss hell. Also nicht strahlend weiß, wie mit dem weißen Riesen gewaschen, aber zumindest helles elfenbeinfarben. Also da hab ich schon weit schlimmeres gesehen.

Das einzige Problem: mein Zahnfleisch ging zurück. Klassische Parodontose eben. Aber weil mir früher die Zahnärzte erzählten, dass man dagegen eigentlich sowieso nicht wirklich was machen könne, nahm ich es einfach hin. Blöd war nur, dass es inzwischen so weit zurückgegangen ist, dass man die Krone deutlich sieht. Also den Ansatz. Mit dem kleinen Goldrand. Doch mit geschickt geübtem Lachen fiel eigentlich auch das nicht wirklich auf.

Die Katharsis

Bis es mir jetzt aber im Sommer doch zu bunt wurde. Ich spürte, dass sich an einem Backenzahn links oben eine kleine Lücke bildete. Und fürchtete, nein: wusste, dass das wohl wieder genauso eskalieren würde wie damals rechts oben. Wenn ich diesmal wieder nichts dagegen unternehmen würde.

Also setzte die Grübel-Phase ein. Wie groß ist meine Angst vor dem Zahnarzt eigentlich wirklich? Und wovor genau habe ich eigentlich Angst? Wie in der Therapie damals gelernt, begann ich also, mir die Situationen vorzustellen, die Angst auslösen. Ich spielte also in Gedanken einen Zahnarztbesuch durch und bewertete die einzelnen Stationen auf einer Skala von 1 bis 10. Der Moment, wo man die Praxis betritt und man die erste Nase dieses typischen Geruchs nimmt. Der Moment, wo man aufgerufen wird und quasi nicht mehr zurück kann. Der Moment, wo man auf dem Stuhl Platz nimmt. Der Moment, wo man gebeten wird, den Mund aufzumachen und man die “Folterwerkzeuge” näher kommen sieht. Der Moment, wo sich die Spritze nähert. Der Moment, wo man den Einstich spürt. Die unendlich lang wirkende Zeitspanne, bis das Betäubungsmittel eingespritzt ist und die Spritze endlich wieder aus dem Mund verschwindet. Die nicht ganz so lange Zeitspanne, bis sie zu wirken beginnt und man endlich nichts mehr spürt und zu lallen beginnt. Der Moment, wo der Bohrer kommt und sich das Gesicht des Zahnarztes über einen beugt. Der Moment, wo der Bohrer zum ersten Mal zum Einsatz kommt. Die unendlich lange Zeit, bis der Zahnarzt sagt, dass er jetzt fertig ist. Der Moment, wo man diesen “Fremdkörper” zum ersten mal mit der Zunge betastet…

Ich hab das mal absichtlich so ausführlich aufgedröselt, weil ich es so gelernt habe. Jede Angst wird zwar meist pauschal bezeichnet, aber wenn man ins Detail geht, sind eigentlich nur kurze Momente eines längeren Ablaufs von wirklicher Angst begleitet, wohingegen der Rest eigentlich gar nicht mal so schlimm ist. “Angst vor dem Zahnarzt” ist so etwas pauschales, das weiter aufgedröselt gehört. Vor allem auch nicht nur einmal, sondern öfter. Ein Trick bei der Angst-Therapie ist ja der, dass man sich bewusst in einer “sicheren” Umgebung befindet und sich gedanklich Schritt für Schritt der Angst machenden Situation aussetzt. Allerdings vermeidet man die unbewusst-automatisch ablaufende Reaktion, hält bei jedem Schritt ein paar Minuten inne, sondiert das Gefühl, das man dabei hat, spielt damit und bewertet es. Auf diese Weise kann man sich bewusst beliebig rein- und raus-zoomen und auch jederzeit einfach abbrechen, wenn es wirklich unerträglich ist – obwohl man schnell feststellt, dass es das eigentlich gar nicht ist und man auch durchaus ein paar Sekunden auf der Stufe 10 “aushalten” kann. Wenn man das ausführlich macht und öfter wiederholt, wird man feststellen, dass man automatisch nicht mehr pauschal beim Wort “Zahnarzt” in Schweiß ausbricht, sondern vielleicht nur noch bei dem Gedanken daran, wie der Bohrer das erste mal loslegt. Oder wie bei mir: wenn man den Einstich der Spritze im Mund spürt. Andere Teile dieser Angstsituation werden sich hingegen mit der Zeit als eigentlich gar nicht mal so schlimm herausstellen. Teilweise vielleicht sogar nur als lächerliche 2 oder 3 auf der 10er-Skala. “Lächerlich” deswegen, weil man das durchaus auch mit anderen Situationen im Leben vergleichen sollte und dabei feststellt, dass man auch durchaus beim Öffnen einer unerwarteten Rechnung oder ähnlich “lächerlichen” Situationen schon auf 2-3 kommen kann.

Und zumindest bei mir hat es geholfen. Natürlich empfand ich eigentlich keinen einzigen Schritt als wirklich angenehm, aber es kristallisierte sich heraus, dass es tatsächlich in erster Linie um die Spritze geht – und um das Gefühl des Bohrers. Der Rest hingegen – unangenehm, aber definitiv aushaltbar.

Also stand der praktischen Konfrontation eigentlich nichts mehr im Wege…?

Zahnärzte für Angst-Patienten

Doch. Natürlich stand dem noch was im Wege. Zahnärzte mit den Umgangsformen eines Pferde-Doktors. Also nein, natürlich sind nicht alle so schlimm. Aber wer unter Zahnarzt-Angst leidet, der kann nicht einfach zu einem x-beliebigen Dentisten gehen. Das heißt, können schon – aber ob das so gut ist…?

Allerdings hat sich in den letzten Jahren für uns schon fast eine eigene Sparte gebildet. Mehr und mehr Zahnärzte gehen bewusst mit der Problematik um, dass es uns nun mal gibt und dass da auch das motivierendste “ach, das wird halb so schlimm – haben Sie keine Angst” nichts nützt. Und dass es für uns also nicht ausreicht, wenn jemand einfach nur handwerklich gut ist. Wir brauchen ein angenehmes “Setting” und einen psychologisch geschulten Arzt, der erkennt, wann konkret unsere Angst ausbricht und der uns dabei hilft, mit möglichst wenig Adrenalin aus diesen Situationen herauszukommen. Andernfalls werden wir zwar diese Behandlung überleben – aber die Angst wird weiter bestehen. Obwohl es aber absolut möglich ist, mit jeder Angststörung zurecht zu kommen, wenn man mit positiver Konditionierung arbeitet. Das Gehirn arbeitet wie der Straßenverkehr. Wenn sich da mal ein Feldweg an Reaktionen und Gefühlen ausgebildet hat, der mit einer Situation in Verbindung gebracht wird, durchläuft das Gehirn diesen Feldweg immer und immer wieder vollautomatisch, wenn es der Situation ausgesetzt wird. Bis daraus eine Autobahn mit Autopilot wurde, so dass alles sogar unterbewusst abläuft und man die oben erwähnte Schritt-für-Schritt-Betrachtung braucht, um überhaupt noch bewusst einzelne Schritte wahrzunehmen.

Umgekehrt kann man dann aber auch ganz bewusst mal andere Wege provozieren und durch wiederholtes Ausführen das Gehirn dazu bringen, dass es diesen neuen Weg beschreitet. Anfangs muss es ähnlich wie ein störrisches Pferd “mit Gewalt” dazu gebracht werden, diesen neuen Weg zu gehen – aber wenn man das ein paar mal gemacht hat, wird das Gehirn automatisch diesen Weg beschreiten. Vor allem, wenn es gelernt hat, dass damit ja viel weniger Stress verbunden ist. Denn Stress hat eigentlich kein Gehirn gern. Aber es vergisst eben auch gerne, dass es überhaupt ohne gehen könnte. Und die Flucht vor einer solchen Angst-Situation ist schließlich meistens auch einfacher als das bewusste hineingehen in diese Situation. Wie damals bei den Steinzeitmenschen. Wenn da ein Säbelzahntiger vor einem auftauchte, war es meistens einfacher, wenn man einfach die Beine unter die Arme nahm und weglief – anstatt sich dem Tiger zu stellen, vielleicht böse Wunden davonzutragen, aber mit der Zeit ein so guter Kämpfer zu werden, dass man am Ende noch nicht mal mehr Angst vor dieser reißenden Bestie haben musste.

Kurzum: es gibt bei weitem noch nicht genug davon, aber es gibt eigentlich schon in jeder größeren Stadt Zahnärzte, die auf uns Angstpatienten spezialisiert sind. Und nicht zuletzt dank des Internet ist es auch jedem mit Internet-Zugang einfach und schnell möglich, diesbezüglich zu recherchieren, indem man beispielsweise nach “Zahnärzte für Angstpatienten” sucht. Oder man informiert sich in diversen Foren zu diesem Thema und holt sich Erfahrungsberichte anderer ein.

Die richtige Atemtechnik

Etwas, was wir so unterbewusst tun, dass wir es eigentlich nur noch in Extremsituationen bemerken, ist unsere Atmung. Mir fiel auf, dass ich auf dem Zahnarztstuhl fast nicht atmete. Nur sehr flach, aber dafür schnell. Schließlich könnte dem ja das Werkzeug so verrutschen wie Dr. Mengele damals. Außerdem ist es einfach in unserer Natur, dass wir in Stress-Situationen flach und schnell atmen. Oder uns nicht trauen, tief Luft zu holen. Doch die damit verbundene Unterversorgung mit Sauerstoff trägt nun mal auch nicht wirklich zu einem besseren Wohlbefinden bei.

Rechtzeitig zur ersten Panikattacke im Wartezimmer erinnerte ich mich also an eine Atemtechnik, von der ich mal in einer Folge des Braincast gehört hatte und die mir schon mal half, als ich wie gelähmt im Auto auf einem Parkplatz saß und nicht die Kraft aufbrachte, zu meiner “Verurteilung” als Steuerhinterzieher ins Finanzamt zu gehen: einatmen putscht auf – ausatmen entspannt.

Die Atemtechnik ist eigentlich total simpel: um zu entspannen, muss man einfach nur beim atmen zählen. Beim Einatmen bis 4 zählen, dann die Luft halten und dabei bis 8 zählen, dann während dem Ausatmen wieder bis 8 zählen und ausgeatmet halten, während man wieder bis 8 zählt. Schnell rein – langsam raus.

Der Trick dahinter ist, dass man beim Ausatmen den Parasympathikus stimuliert. Das ist der Teil des vegetativen Nervensystems, der für die Entspannung sorgt. Sein Gegenspieler ist der Sympathikus, den man beim Einatmen stimuliert und der uns aufputscht. In der normalen Funktion ist das jedem bekannt: ist man entspannt, atmet man unterbewusst langsam und tief – ist man aufgeregt, atmet man schneller und weniger tief. Beide sind ständig mehr oder weniger aktiv in uns und regeln eben unseren Erregungs- bzw. Entspannungszustand. Doch umgekehrt kann man tatsächlich auch bewusst atmen, um den An- bzw. Entspannungszustand des Körpers gezielt zu beeinflussen!

Da man aber leider nicht weniger Luft einatmen kann, als man ausatmen muss, kann man mit der reinen Menge nicht dafür sorgen, dass man den Körper entspannt. Allerdings kann man eben die Zeitspanne variieren, so dass es dem Körper so vorkommt, als würde man mehr aus- als einatmen. Man atmet also recht schnell ein (bis 4 zählen) und atmet doppelt so lange aus (bis 8 zählen). Und damit man dabei nicht in eine schädliche Press-Atmung verfällt, hält man die Luft einfach so lange drin bzw. draussen, bis man wiederum bis 8 gezählt hat.

Zugegeben, diese Atmung auf dem Zahnarztstuhl einzusetzen ist erst mal mit viel Überwindung verbunden, während das Adrenalin im Körper pulsiert und einen ablenkt. Außerdem denkt man ja immer daran, dass man seinen Kiefer stillhalten sollte, damit das Werkzeug nicht verrutscht. Allerdings bewegt sich das Kiefer beim Atmen aber auch nicht wirklich, wenn man mal genau aufpasst. Das einzige, was sich da hebt und senkt, ist der Brustkorb. Und selbst das kann man noch minimieren, wenn man “in den Bauch atmet” und somit die Bewegung so weit wie möglich vom Mund weg stattfindet.

Mit dieser Technik habe ich es jetzt geschafft, jede Panikattacke auf dem Stuhl zu überwinden. Vermeiden kann man sie natürlich nicht. Aber man kann sie erstaunlich schnell lindern.

Meine persönliche Erfahrung nach 7 Sitzungen

Auf meinen Zahnarzt Dr. Plötz bin ich zwar interessanterweise nicht durch das Internet aufmerksam geworden, sondern durch ein Riesenplakat am Freisinger Bahnhof, wo er für kosmetische Zahnmedizin, Implantologie und seine Spezialisierung auf Angstpatienten wirbt, aber immerhin: ich habe einen gefunden!

Mein erster Besuch war auch noch mit sehr viel Angst und Stress verbunden. Es ging um das schon erwähnte Loch links oben zwischen den Zähnen. Und trotz aller gedanklicher Beschäftigung mit dem Thema lief bei mir ab dem Betreten des Hauses die oben erwähnte Angstreaktion vollautomatisch ab, mein Blutdruck ging in die Knie und ich wäre am liebsten einfach davongelaufen. Aber ich verglich permanent die tatsächliche Situation mit der, die ich mir vorgestellt hatte – und merkte, dass ich auf der 10er-Skala eigentlich immer mindestens einen, meist sogar zwei oder drei Punkte drunter war. Es war in der Realität also gar nicht so schlimm, wie ich es mir ausgemalt hatte. Vor allem die sehr ruhige Art von Dr. Plötz half mir enorm. Dazu noch ein paar Scherze, mit denen ich immer meine Nervosität überdecke – und schon war ich sogar am privaten Tratschen mit seiner Frau, die am Empfang sitzt. Das war damals nämlich zwei Tage vor unserer Abreise gen Wacken – und sie möchte da schon seit Jahren auch mal mit ihren fast erwachsenen Söhnen hin, weil sie früher immer auf den berüchtigten Biker-Treffen auf der Loreley war und sowas endlich wieder erleben möchte. Trotz ihrer vielleicht Anfang 50 – eine verkappte Metal-Braut also…! :)

Dementsprechend stressfrei war also auch der nächste Termin, denn bereits beim Betreten der Praxis begrüßte sie mich mit Pommesgabel und einem beherzten “Wacköööööööön”, das ich natürlich erwiderte. Und unter den neugierig-schockierten Blicken des restlichen Personals musste ich dann das Erlebte erzählen und sie ergänzte das mit dem, was sie im Fernsehen gesehen hatte und so weiter – es war eher wie ein Tratsch in der Kneipe als ein Zahnarztbesuch.

Der zweite Termin zwar jedenfalls für eine PZR. Professionelle Zahnreinigung. Also quasi dampfstrahlen der Zähne, damit der Belag weggeht. Ohne Betäubung, da es über alle vier Quadranten gehen sollte. Und sapperlott – die Trümmer, die da wegflogen, machten mir echt Angst. Hatte ich tatsächlich einen halben Ziegelstein in meinem Maul rumgetragen? Damit könnte man ja so manche Hofeinfahrt einkiesen, was die da rausholte. Und auch wenn es teilweise schon extrem bis zum Auge hinauf zog – Barbara machte ihre Arbeit perfekt. Sie verstand jedes Zucken sofort, sagte “ok”, pausierte an dieser Stelle, machte kurz danach erst mal woanders weiter und sagte dann Bescheid, wenn sie nochmal an die Stelle ging. Wow. So fürsorglich wurde ich noch nie beim Zahnarzt behandelt. Dementsprechend kamen wir auch ein bisschen ins quatschen und ich erfuhr von ihrer Heimat Brasilien, wo die Zahnversorgung schon noch etwas mittelalterlicher ist, weil die Kosten so hoch sind, wie sie dort unten einen Weißheitszahn entfernt bekam und wie stresslos das dann mit zwei weiteren hier in Deutschland bei Dr. Plötz ging und sie also unbedingt was in Richtung Zahnmedizin machen wollte…

Beim dritten Termin stellte ich mich also wieder auf literweise Blut ein (mein Zahnfleisch reagierte schon sehr empfindlich auf diese Tortur), allerdings war es dann doch nur eine kurze Kontrolle. Der nette, junge Kollege von Herrn Plötz, dessen Namen ich mir aber leider immer noch nicht merken konnte, übernahm meinen Fall, maß noch die Taschentiefe wegen der Parodontose, entnahm einen Abstrich für das bakteriologische Labor, um die “Bad Guys” zu identifizieren, die ich da in meinem Mund habe, sprach alles in Ruhe und ausführlich mit mir durch – und schon wars erst mal vorbei.

Vor der fünften Sitzung hatte ich dann aber doch wieder ziemlich Bammel. Wir mussten tief in die Taschen des Zahnfleisches, um auch dort sämtliche Ablagerungen zu entfernen und gleich mal einige Bakterien abzutöten. Also quasi jeden Zahn einzeln rausnehmen, die Wurzel polieren, das Zahnfleisch bis zum Kiefer desinfizieren und dann den Zahn wieder einsetzen. Zumindest stellte ich es mir so vor. Aber natürlich geht das nicht so. Mit einem Ultraschall-Strahl wird nur einfach am Zahn entlang bis zur Wurzel ausgespült. Natürlich mit Narkose, denn das ginge dann doch etwas zu weit. Und ich war überrascht, dass ich nichts von dem Ganzen spürte. Das unangenehmste war wirklich die Spritze selbst. Aber ansonsten…? Eigentlich war es ein entspanntes rumliegen. Ok, mit Maulsperre und grässlichem Geräusch. Aber an der Autobahn zu sitzen ist definitiv lauter.

Gleich am nächsten Tag kam daraufhin die sechste Sitzung, da man ja nur immer eine Gesichtshälfte lähmen sollte und also noch die andere Hälfte ausstand. Und weil ich diesmal ja schon genau wusste, was mich erwartete, war es eigentlich ein Kinderspiel. Bis auf die Spritze natürlich. Warum die aber auch so große Stahlspritzen verwenden müssen, die nach dem Schlächter von Dingsda aussehen. Genau das fragte ich ihn dann sogar und er meinte, dass ihm das noch gar nicht so bewusst war und dass ich da tatsächlich Recht habe. Also dass die für einen Angstpatienten durchaus fies aussehen. Allerdings meinte er, aus Umweltschutzgründen wäre er gegen Plastik-Einwegspritzen, auch wenn diese noch so klein wären. Er würde aber mal mit dem Doktor sprechen, ob sie da nicht wirklich kleinere besorgen sollten…

Gerade komme ich nun von der siebten Sitzung und inzwischen muss ich sagen, dass sogar die Angst vor der Spritze nicht mehr so groß ist, wie am Anfang. Klar, es ist unangenehm, wenn er reinsticht und sich zentimetertief seinen Weg bahnt – aber hey, das sind 10 lächerliche Sekunden, dann ist es vorbei! Wenn ich mir dagegen vorstelle, wie viele Stunden ich schon in meinem Leben damit verbracht habe, in Furcht und Terror zu schwelgen, weil ich an den Zahnarzt oder andere Angstsituationen und vor allem, wie ich mich vor ihnen drücken könnte, dachte…?

Angst vor der Zukunft?

Alles in allem muss ich also sagen, dass diese sieben Sitzungen innerhalb der letzten zwei Monate ausgereicht haben, dass ich fast keine Angst mehr habe. Es ist natürlich wie schon mal erwähnt immer noch unangenehm, weil wer hat schon Freude dran, wenn ein Bautrupp mit Presslufthammer in seinem Mund herumfuhrwerkt. Aber es ist aushaltbar. Ein notwendiges Übel einfach. Weil wenn ich mir ansehe, welche Fortschritte mein Gebiss jetzt schon gemacht hat, dass ich wieder viel unbeschwerter lache und das alles für einen vergleichsweise lächerlichen Aufwand…?

Gern mache ich es also nicht, aber ich werde das jetzt definitiv durchziehen. Erst mal noch die restlichen drei Quadranten von den Amalgam-Relikten befreien und mit Porzellan-Füllungen versehen – und dann gehen wir sowohl alle vier Weisheitszähne als auch meine Krone an. Vor den letzten beiden Aktionen hab ich zwar schon ziemlich Respekt, weil wir da auch chirurgisch tätig werden müssen, ich das wohl unter Vollnarkose machen lasse und dann wirklich für ein paar Tage Schmerzen im Mund haben werde – aber wie gesagt: was ist dieser Stress schon im Vergleich dazu, bis an mein Lebensende mit immer mieser werdenden Zähnen rumlaufen zu müssen, mich irgendwann in der Öffentlichkeit so richtig dafür zu schämen und entsprechende Komplexe auszubilden?

Und deswegen muss ich einfach jedem Leidensgenossen Mut machen: es gibt leider keine Pille, die man dagegen nehmen könnte (außer vielleicht Murnauer’s Original Notfall-Bonbons nach Dr. Bach – die gibts in eigentlich jeder Apotheke und die wirken bei mir Wunder, wenn ich Panikattacken habe, auch wenn ich eigentlich überhaupt nicht an Bach-Blüten glaube!), aber davonlaufen ist auch keine Lösung. Schritt für Schritt mit der Panik auseinandersetzen und ihr mit vernünftigen Gedanken begegnen ist immer noch die beste Möglichkeit. Dazu noch ein entsprechend ausgebildeter Zahnarzt – und ich garantiere, dass auch Du nach ein paar Sitzungen damit klar kommst. Wie gesagt: jauchzend und frohlockend geht kein Mensch zum Zahnarzt, auch die ohne Phobie nicht. Aber Ziel für uns muss sein, dass wir es aushalten, ohne dabei tausend Tode zu sterben und dass wir ein paar Stunden später stolz sagen können “ach, eigentlich wars ja wirklich gar nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hab”. Was aber nur funktioniert, wenn wir uns bewusst und kontrolliert in die Angstsituation begeben anstatt immer nur vor ihr wegzulaufen und sie somit nur noch zu verstärken.

Also auch wenn es das erste Mal noch die Hölle ist, Du schweißgebadet bist und Dir die Minuten wie Stunden vorkommen – setze vorab die 10er-Skala ein und wende währenddessen die Atemtechnik an und es wird Dir bedeutend besser dabei gehen als Du es Dir jemals hättest erträumen lassen!

Und merke Dir vor allem: Angst ist absolut nichts, wofür wir uns schämen müssen! Jeder Mensch hat sie! Sie ist etwas absolut Natürliches! Ein Schutzmechanismus, ohne den wir als Lebewesen gar nicht so weit in der Evolution überlebt hätten! Das einzige, wofür wir uns daher schämen müssen, sind Mitmenschen, die die Angst anderer als Ziel für Spott und Hohn verwenden!

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5 Kommentare

  1. Ich persönlich habe keine Angst vor dem Zahnarzttermin, wohl aber vor den Injektionen, ohne die das Ganze aber noch schlimmer wäre (wie haben wir das damals in der DDR nur ausgehalten, ohne Spritzen?).

    Wenn man bedenkt, wie Du es beschreibst, mit wasfür Veterinärswerkzeug da zentimetertief im Kiefer rumgepiekst wird, uaaah. Schön auch, wenn der Zungennerv gefunden wird und binnen weniger Sekunden die Funge ganffff taub ifff…

    • Klasse Artikel über ein sehr persöhnliches Thema – gute Schreibe – gerne wieder.

      Ich finde mich da teilweise wieder, allerdings ist mein Zahnarzt der ehemalige Klavierlehrer meines Bruders. Als ich erfuhr, dass er jetzt eine Praxis in Freising hat, dachte ich mir, dass jemand, der so sensibel Rachmaninow spielt, sicher auch ein Händchen für den Bohrer hat und wurde nicht enttäuscht.

      Die Pause war in etwa so lang wie Deine, der letzte ZA war einer mit einem französisch klingenden Namen, der sagte dann nach der ersten Inspektion: Lassen Sie sich mal so acht Termine geben.
      Thanks, but no, thanks.

      Sollte mal wieder hin.

      • So, ich war mal wieder beim Zahnarzt . Der Besuch verlief komplett schmerz- und fast angstfrei, aber der Gute hat jetzt ein digitales Röntgengerät und da zeigte sich Karies unter den alten Plomben. Der Kostenvoranschlag für die Sanierung kam auch prompt und entspricht in etwa dem Preis eines älteren Gebrauchtwagens. Naja, tut weh, aber ich bin ja auch kein Jahreswagen. Mal schauen, was die Versicherung dazu sagt.

        Danke nochmals für den auslösenden Artikel.

  2. Toller Artikel. Er war vom Anfang bis zum Ende spannend. Außerdem kenne ich dieses Problem schon sehr gut und dieser Artikel hat mir sehr geholfen. Vielen Dank!

  3. Toller Artikel. Diese Tipps können mir wirklcih helfen, ich probiere das mit Sicherheit! Vielen Dank Grüße!

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